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Vorwort zur Neuausgabe
Das Erscheinen meiner Schrift über Leserechtschreibschwäche und Rechenschwäche als Auswirkung einer Normvariante löste einen unerwartet großen Zuspruch aus. Die Kontakte, die sich daraus ergaben, veranlassten mich, meine Schrift in wesentlichen Teilen zu erweitern und vor allem mit umfangreichen Übungshinweisen und -beispielen zu versehen, die auch für den Schulunterricht geeignet sind. Insbesondere soll auch den verunsicherten Eltern wieder Mut gemacht werden.
Es griffen in erster Linie solche Eltern zu diesem Buch, deren Kinder bereits längere Zeit beschult und wegen ihrer massiven Lernstörungen schließlich Psychologen, Neurologen oder Sonderpädagogen zur Begutachtung vorgestellt wurden, nachdem ihre Vertuschungsstrategien ebenso zusammengebrochen waren wie alle Erwartungen, dass sich die „Anfangsschwierigkeiten" der ersten Schulzeit schließlich legen würden. Danach durchliefen sie oftmals verschiedenartige, meist private Fördermaßnahmen, ohne dass sich dadurch der Abstand zum Klassenniveau verringerte. Im Gegenteil.
Bezeichnungen wie „Teilleistungsschwäche" verwirrten die Eltern. Vor allem der verschwommene Begriff „minimale cerebrale Dysfunktionen" (MCD), der so gegensätzliche Auffälligkeiten wie rasche Erschöpfbarkeit und Überaktivität mühelos vereint, ohne diese ausreichend gegen normale Verhaltensweisen abzugrenzen, bietet in seiner schwammigen Breite nicht nur ein reiches Arsenal von vermeintlichen Ursachen für die genannten Lernstörungen, sondern pathologisiert die betroffenen Kinder und schockt deren Eltern mit der Vorstellung, ein wenn auch nur „minimal" hirngeschädigtes Kind zu haben.
Dazu muss klar gesagt werden: Leserechtschreibschwäche und Rechenschwäche beruhen nicht auf einer wie immer gearteten Hirnschädigung. Der Richtungssinn, der auch der 6. Sinn genannt werden kann, verläuft entweder im gleichen Sinne wie der unserer Kulturnorm oder umgekehrt. Diese Trennung in zwei gegensätzliche Varianten menschlichen Seins geht quer durch alle sozialen Schichten; sie betrifft Arme wie Reiche, Hochbegabte wie Schwachsinnige, Hirngesunde wie Hirngeschädigte in gleicher Weise.
In welchem Grade der gegenläufigen Normvariante die Anpassung an die Kulturnorm gelingt, hängt von vielerlei Umständen wie der Persönlichkeitsstruktur des Kindes, seinem sozialen Umfeld und den angewandten Lehrmethoden ab. So können gegensinnige Schüler oftmals ihren besonderen Richtungssinn so virtuos mit dem der Kulturnorm in Einklang bringen, dass sie showreif lange Gedichte rückwärts aufsagen und Lieder in gleicher Weise singen können.
Nicht nur Leonardo da Vinci konnte fließend auch Spiegelschrift lesen und schreiben. Ebenso wundert sich heute niemand, wenn ein Linkshänder Tennis-As oder Boxweltmeister wird, während andere Linkshänder es vorziehen, lieber einen Beruf zu ergreifen, der keine besondere manuelle Geschicklichkeit verlangt. Was aus Schülern mit gegensinniger Prägung wird, hängt wesentlich davon ab, wie wir ihnen die Bewältigung der rechtsläufigen Kulturnorm des Lesens, des Schreibens und des Rechnens erleichtern. Vertrauen wir ihnen, und stempeln wir sie nicht als neurologische Fälle ab. In andere Kulturkreise hineingeboren, die von rechts nach links reihen, wären nämlich unversehens wir Normrichtigen die Versager. Und wer, abgeschreckt durch manche fehlgeschlagenen Versuche, die Mängel des gegensinnigen Kindes im Lesen, Rechtschreiben und/oder Rechnen ausreichend oder völlig zu beheben, verzweifeln sollte, der wage diesen letzten: Er beansprucht relativ wenig Zeit, er kostet nichts, er schadet auch nicht, er kann nur helfen.
Schwerin im März 2000
Gerhard Haberland
1. Religion gut, Rechnen und Schreiben ungenügend
Damit pflegten vor 100 Jahren die Großeltern ihre Enkel zu trösten, wenn die erwarteten Schulerfolge ausblieben, oder sie kaschierten mit dieser leisen Ironie ihre eigenen schwachen Leistungen, weil zugleich auch ein gewisser Stolz mitschwang, dass aus ihnen trotzdem etwas Ordentliches geworden war. Die Schule war anscheinend doch nicht die absolute Messlatte oder der Steigbügelhalter für Ansehen und Erfolg im Leben, eine Rolle, die ihr das aufstrebende Bildungsbürgertum immer stärker zugewiesen hatte.
Glänzende Examina und akademische Grade ersetzten den verblassenden Glanz von Adelsprädikaten. Schulerfolg verschaffte schon dem Schüler Ansehen und erfüllte seine Eltern mit Stolz. Ein Versagen in den sogenannten Kulturtechniken Lesen, Rechtschreiben und Rechnen wurde nach landläufiger Auffassung mit Dummheit gleichgesetzt. Unterstellte man noch bei Mädchen, mangelhafte Rechenleistung sei nun einmal eine typische weibliche Eigenart, verzieh man ihnen auf keinen Fall orthographische Fehler. Bei den Jungen war es eher umgekehrt, obwohl für einen erfolgreichen Bildungsgang Sicherheit auch im Lesen und Rechtschreiben unerlässlich war.
Dabei hatte bereits 1871 der Heidelberger Arzt Adolf Kußmaul erkannt, daß auch intelligente Kinder große Schwierigkeiten im Erlernen der Schriftsprache haben können, und grenzte dieses Versagen als ein gesondertes Syndrom unter der Bezeichnung „kongenitale Wortblindheit" gegen den Schwachsinn ab. Das rief zwar Pädagogen und andere Wissenschaftler auf den Plan, änderte aber nichts an dem täglichen Versagensdruck und der Versagensangst der betroffenen Schüler und der kaum verhohlenen Enttäuschung ihrer Eltern, die sich so viel vom Schulerfolg ihrer Sprösslinge versprochen hatten.
War ihnen nicht bereits vor deren Schuleintritt von Verwandten und Freunden immer wieder versichert worden, wie pfiffig ihr Kind sei und dass aus ihm gewiss einmal etwas Ordentliches werde? Und nun diese zunehmenden Misserfolge in der Schule! Begriffen nicht der Junge vom Nachbarn oder die Schulfreundin der Tochter alles viel leichter und brachten bessere Zensuren nach Hause?
Die Schule hatte alsbald ein Trostpflaster bereit und erklärte, Michael oder Ulrike hätten eine Teilleistungsschwäche, Legasthenie oder Leserechtschreibschwäche (LRS) bzw. Dyskalkulie oder Rechenschwäche genannt, die nicht auf Intelligenzmängel beruhe. Es gebe Fördermaßnahmen, und der Leidensdruck werde dadurch vom Kind genommen, dass die betreffenden Fehler nicht bewertet bzw. benotet würden. Trotzdem spürt das Kind Stunde für Stunde, Schuljahr für Schuljahr sein Versagen gegenüber den Mitschülern, obwohl es doch „so dumm" eigentlich nicht ist; und die fehlende Benotung, das taktvolle Umgehen mit den Fehlern durch den Lehrer vermitteln ihm überdeutlich durch diese Ausnahmestellung, in die es geschoben wurde, die Schwere seines Versagens, selbst wenn sich auch die Mitschüler wider Erwarten aller Hänseleien enthalten sollten. Schon der fragende Blick zu Hause, ob sich nun endlich eine Wende abzeichne, und die vielfachen blamablen Situationen, die sich täglich im familiären und sozialen Umfeld ergeben, tun ein Übriges. Hinzu kommt, dass das legasthene oder rechenschwache Kind nicht nur in den genannten Teilleistungsbereichen versagt, die Mängel in den sogenannten Kulturtechniken verhindern auch normale Fortschritte in fast allen anderen Fächern; denn Texte und Aufgabenstellungen müssen erst lesend erfasst werden, um sie dann zu lösen. Oft müssen die Ergebnisse niedergeschrieben und dann vorgelesen werden. Und wer das Einmaleins nicht beherrscht, kann weder schriftlich multiplizieren noch teilen und hat keine Aussicht, jemals die Bruchrechnung zu erlernen. Mit jeder Unterrichtsstunde und jeder Unterrichtswoche entsteht auf diese Weise neben den unmittelbar betroffenen - nicht benoteten - Fächern ein stetig wachsendes Lern- und Übungsdefizit in nahezu allen anderen Fächern, von dem alle Beteiligten vage hoffen, dass es in einer fernen Zukunft aufgefüllt werde, wenn nämlich doch noch „der Knoten platzt". Auch bietet sich der wohlgemeinte Verdacht an, das Kind sei ein „Spätentwickler" und werde einmal alles glänzend aufholen. Das Zeug dazu habe es ja! Leider entwickeln sich mit zunehmender Beschulungsdauer infolge der ständigen Misserfolgserlebnisse sogenannte Pfropmeurosen, die zusätzlich die Kinderpersönlichkeit deformieren. Die Kinder gleichen ihr geschwundenes Ansehen bei den Mitschülern infolge ihrer schlechten Leistungen dadurch aus, dass sie durch Kaspereien und vorlautes Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und in eine Anführerrolle schlüpfen, die sie auch außerhalb der Schule weiterführen. Sie werden aggressiv, auch gegen sich selbst (Einkoten). Sie nässen wieder ein, vermeiden den Schulbesuch durch Übelkeit und Bauchschmerzen am Morgen, laufen von zu Hause weg und werden Herumtreiber, aber damit sind noch längst nicht alle Fehlhaltungen, die sich rasch verfestigen, aufgezählt.
So müssen oft schulische und private Fördermaßnahmen durch eine psychotherapeutische Behandlung begleitet werden, deren Erfolg aber so lange fragwürdig bleibt, wie das Grundübel, das rätselhafte Leistungsversagen mit seinem Leidensdruck, nicht beseitigt ist. Ein Teufelskreis, dem nur wenige lerngestörte Kinder unbeschädigt entgehen, der aber durchaus vermeidbar ist, wenn man das Bedingungsgefüge dieser Lernstörung kennt und ihm rechtzeitig mit geeigneten Maßnahmen begegnet; denn es gibt keine psychisch gesunden Kinder (Erwachsene) mit einer originären Leserechtschreib-schwäche und/oder Rechenschwäche, sondern nur Normvarianten von Kindern, bei denen erst unsere Kulturnorm und die darauf beruhenden Lernmethoden und Lehrmittel diese Teilleistungsausfälle produzieren.
Leserechtschreibschwäche und/oder Rechenschwäche sind also weder eine „Schwäche" noch ein Defekt, sondern lediglich Reaktion einer Normvariante, die zufällig im Gegensatz zu unserer Kulturnorm steht, auf diese. Die Betroffenen sind ebensowenig „schwach" oder „asthenisch" wie ein europäischer Gast in einem Chinarestaurant, dem es missglückt, Reis mit zwei Stäbchen zu essen. Wenn man die abweichende Struktur dieser Gruppe unserer Kulturnorm anpasst, was bereits im Vorschulalter eingeleitet werden kann und durch ausgewählte und abgewandelte Lernmethoden und Hilfsmittel im Anfangsunterricht fortzusetzen ist, ohne dass dadurch die anderen Schüler benachteiligt würden, ganz im Gegenteil, dann wären legasthene und rechenschwache Schüler in unseren Schulen ein „Auslaufmodell"!
Diese Schrift will dazu anleiten und Eltern und Lehrer befähigen, den betroffenen Kindern zielgerichtet und erfolgreich zu helfen. Worin besteht also diese Normvariante, die so große Schwierigkeiten bereitet, die grundlegenden Kulturtechniken zu erlernen, und woran erkenne ich sie rechtzeitig, noch bevor die betreffenden Schüler lern- und verhaltensauffällig geworden sind?
11. Anhang-Charakteristische Auffälligkeiten sinistrader Kinder
(Auf Psycho- und Organneurosen, die als Folge des Schulversagens auftreten können, wird ebenso bewusst verzichtet wie auf negative Milieueinflüsse, die natürlich ihrerseits Rückwirkungen haben können, aber nicht die Verursacher sind.)
Vorschulalter
Hand: Die linke Hand wird auffallend bevorzugt, besonders beim
- Begrüßen;
- Essen (Löffel und Messer in der linken Hand);
- Basteln und Bauen (Bausteine werden mit der linken Hand versetzt oder eingefügt; Hammer, Zange usw. in die linke Hand genommen;
- Werfen mit links (auch Hüpfen und Springen);
- Malen mit der linken Hand, zumindest zeitweilig;
- Beim Händefalten liegt der linke Daumen oben.
- Das linke Bein wird über das rechte geschlagen.
Starke Linkshändigkeit: Die Umerziehung misslingt weitestgehend, die rechte Hand ist auffallend ungeschickt.
(Hinweis: Jede Form der Umerziehung sollte natürlich tunlichst unterlassen werden!)
Schwache Linkshändigkeit: Im Laufe der Zeit allmähliche Gewöhnung an rechtshändiges Hantieren, außer in Spiel- und kniffligen Bastelsituationen. Einzelne Elemente, die vorstehend genannt wurden, treten ständig oder sporadisch auf.
Auge:
- Schielfehler;
- auffallend geringer Sehabstand beim Malen und Betrachten von Bilderbüchern;
- Unlust zum Betrachten von Bilderbüchern.
- Beim Malen wird das Blatt oft um 90° (45°) gedreht.
(Hinweis: In den genannten Fällen unbedingt und möglichst frühzeitig einen Augenarzt aufsuchen.)
Sprache: Stottern und andere Sprachfehler treten oft im dritten Lebensjahr auf.
(Hinweis: Auf keinen Fall das Kind auf seinen Sprachfehler aufmerksam machen.) Auffällige falsche Wortbildungen:
- Koscholade (Schokolade); harru (hurra);
- Herr „Mannbeck" (Beckmann).
Sinistrader Richtungssinn:
- Waagerechte Striche werden von rechts nach links gezogen.
- Bausteine werden ebenso gereiht.
- Rauch und Fahnen wehen nach links.
- Kreise (Sonne, Uhr, Gesicht) werden gegen den Uhrzeigersinn gezogen.
Leserechtschreibschwäche(Legasthenie)
1. Klasse:
- Verwechseln und Verdrehen symmetrischer
Buchstaben:
d - b; d - p; g - b; q - p; - 3; S - S ; ie-ei;
- gegensinnige Leserichtung: ein - nie; rot - tor;
- Buchstabenumstellungen: dcho (doch), Schamine (Maschine);
- spontanes Auftreten von Spiegelschrift;
- ratendes Lesen nach Bildern und Sinnerwartung;
- auswendiges Hersagen bekannter Texte. Der Finger zeigt beim „Lesen" auf eine falsche Stelle und Zeile.
Ab Klasse 2:
Die vorstehend genannten typischen Fehler treten zunehmend in den Hintergrund. Beim Lesen wird der Text nach bekannten Häufigkeitswörtern, Signalbuchstaben und Sinnerwartung ratend entstellt.
Beim Schreiben herrschen Auslassungen von Buchstaben innerhalb einzelner Wörter, nicht einsehbare Hinzufügungen und Wortentstellungen bis zur Undeutbarkeit vor. Typische Fehler, wie für die 1. Klasse beschrieben, werden seltener, geben aber Hinweise auf LRS.
Wichtig:
- Nicht die Anzahl der Fehler ist entscheidend, sondern der, wenn auch vereinzelt auftretende, typische Fehler sowie die weitgehende Unmöglichkeit, die Fehler einfühlen und ergründen zu können.
- Eine LRS lässt sich nicht quantitativ, also nach der Fehlerzahl, bestimmen.
- Eine LRS sollte nicht erst nach einer bestimmten Beschulungs- zeit, etwa nach 2 Schuljahren, anerkannt werden. Sie beginnt mit der Einschulung.
- Die Feststellung LRS darf nicht von einem Leistungsunter- schied zum Rechnen abhängig gemacht werden.
- Auffällig ist eine zunehmende Fähigkeit zum Schreiben und Le- sen von Spiegelschrift.
- Keine Einsicht in das dekadische Positionssystem (Zehnersy- stem): 109, 901, 900 können nicht oder nur zufällig ihrer Größe nach geordnet werden.
- Später werden Bruch- und Prozentrechnung nicht oder nur in einfacher Form beherrscht.
Rechenschwäche liegt auch dann vor, wenn einzelne typische Fehler nicht herausragen, weil die Mängel durch individuelle Hilfsstrategien mühsam verdeckt werden können und dadurch wenig auffallen.
Rechenschwäche:
Sie tritt ab Klasse 2 oft neben einer LRS auf!
1. Klasse:
- Spiegelverkehrte Ziffern;
- Zugrichtung von hinten und gegen den Uhrzeigersinn;
- Doppelkonturen des Ovals der 9 und der 6. Oft treten nur einzel- ne Merkmale auf und können sich bald verlieren. Die falsche Zugrichtung bleibt am längsten erhalten.
2. Klasse:
-Vertauschen von Zehnern und Einern (78 statt 87, 05 statt 50);
- auffallende Unsicherheit beim Rückwärtszählen;
- große Schwierigkeiten bei Zehnerübergängen mit häufiger Richtungsumkehr bei Subtrahieren (32, 31, 30, 31);
- keine Vorstellungen von Größenverhältnissen;
- sehr unsichere Beherrschung des Einmaleins, dafür Hilfsstrate- gien zum Vertuschen dieses Mangels wie Heruntersagen der Ergebnisse (3, 6, 9, 12,15,18, 21, 24, 27, 30).
3. Klasse:
- Die Fehler und Mängel der 2. Klasse bestehen weiter. Das l l „sitzt" immer noch nicht.
- Unsicherheit (falsche Ergebnisse) bei den schriftlichen Rechen- verfahren (außer beim Addieren).
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